Heizlast im Denkmal senken: Lüftung, Regelung und Abdichtung praktisch umsetzen

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Ein denkmalgeschütztes Haus zu heizen, ist nicht wie ein modernes Neubauobjekt. Die alten Ziegelwände atmen, die Holzbalken sind empfindlich, und jede Dämmung muss rückbaubar sein. Doch das bedeutet nicht, dass man energieverschwendend leben muss. Im Gegenteil: Mit den richtigen Maßnahmen lässt sich die Heizlast in historischen Gebäuden um bis zu 40 Prozent senken - ohne ein einziges Ziegelstein zu entfernen oder die Fassade zu verändern. Wie das funktioniert, zeigt die Praxis in Wiesbaden, Dresden und München.

Warum normale Dämmung hier nicht funktioniert

In modernen Häusern ist die Außendämmung mit Wärmedämmverbundsystemen (WDVS) die Standardlösung. Aber bei einem denkmalgeschützten Gebäude? Fast immer verboten. Die Fassade ist Teil des historischen Erbes. Ein weißer Putz oder eine schwarze Dämmplatte würden das Bild zerstören. Deshalb greift man zu Innendämmung. Doch auch hier gibt es Fallstricke. Nicht jeder Dämmstoff passt. Einige Materialien blockieren die Feuchtigkeit, die durch die alten Mauern wandert. Das führt zu Schimmel, feuchten Wänden und langfristig zu Zerstörung. Die Lösung: diffusionsoffene Dämmstoffe. Dazu gehören Holzweichfaserplatten, Flachs, Hanf oder Kork. Sie lassen Wasserdampf passieren, halten aber die Wärme zurück. In einem Patrizierhaus in Wiesbaden sorgte eine 8 cm dicke Holzweichfaserplatten-Dämmung für eine Heizlastreduktion von 18 Prozent - und die Wandfarbe blieb unangetastet.

Lüftung: Weniger Luftverlust, mehr Komfort

Alte Häuser haben oft undichte Fenster. Wer sie einfach abdichtet, ohne die Lüftung anzupassen, riskiert hohe Luftfeuchtigkeit. Das Ergebnis: Feuchtigkeit sammelt sich an kalten Wänden, und es entsteht Schimmel. Die Antwort ist keine zentrale Lüftungsanlage mit sichtbaren Rohren. Sondern dezentrale Geräte. Diese kleinen, wandmontierten Geräte mit Wärmerückgewinnung werden in der Wand eingebaut - meist im Badezimmer oder der Küche. Sie saugen die verbrauchte Luft ab, entziehen ihr die Wärme und leiten die aufgeheizte Frischluft in den Raum. In Pilotprojekten in Sachsen senkten solche Geräte den Lüftungswärmeverlust um 65 Prozent. Und sie sind unsichtbar. Keine Kabel, keine Lüftungsschächte, keine Veränderung der Fenster. Nur ein kleiner, diskreter Auslass, der kaum auffällt.

Regelung: Warme Wände, nicht heiße Luft

In einem alten Haus mit hohen Räumen braucht man nicht die ganze Decke zu heizen. Die Wärme steigt. Deshalb ist eine Flächenheizung die bessere Wahl. Kapillare Wandheizungen - dünne Rohrsysteme, die in die Innendämmung eingebaut werden - verteilen die Wärme gleichmäßig über die Wände. Sie arbeiten mit Vorlauftemperaturen von nur 35°C. Das ist viel niedriger als bei konventionellen Heizkörpern, die oft mit 60°C laufen. Niedrigere Temperaturen sparen Energie, schonen die Heizungsanlage und machen den Einsatz von Wärmepumpen möglich. Ein System von Vaillant in einem denkmalgeschützten Mietshaus in Nürnberg reduzierte den Gasverbrauch um 22 Prozent, weil die Wärmepumpe nicht mehr mit hohen Temperaturen arbeiten musste. Zusätzlich helfen programmierbare Thermostate. Sie senken die Temperatur in ungenutzten Räumen um 5°C - etwa in den Schlafzimmern nachts oder im Wohnzimmer, wenn niemand da ist. Kein teurer Smart-Home-System, nur einfache, günstige Thermostate, die man selbst einstellt.

Diskret eingebautes Lüftungsgerät mit Wärmerückgewinnung in einem alten Badezimmer.

Abdichtung: Was man nicht sehen darf

Die größte Gefahr bei der Sanierung ist nicht die falsche Dämmung, sondern die falsche Abdichtung. Wer eine Dampfsperre einbaut, um Feuchtigkeit zu blockieren, macht es oft schlimmer. Historische Mauern müssen atmen. Sie nehmen Feuchtigkeit auf und geben sie wieder ab. Wenn man sie abdichtet, bleibt die Feuchtigkeit drin. In 40 Prozent der misslungenen Sanierungen ist das der Grund für Schäden. Die Lösung: keine Dampfsperre. Stattdessen Materialien, die die Feuchtigkeit kontrolliert durchlassen. Kalzium-Silikat-Dämmplatten sind dafür ideal. Sie sind mineralisch, nicht brennbar und nehmen Feuchtigkeit auf, ohne zu schädigen. Sie trocknen wieder aus. Und sie sind leicht rückbaubar. Wenn in 20 Jahren ein neuer Dämmstandard kommt, kann man sie entfernen, ohne die alte Ziegelwand zu beschädigen. Das ist das Prinzip der Reversibilität - ein Grundpfeiler der Denkmalpflege.

Kombination ist der Schlüssel

Keine einzelne Maßnahme bringt 40 Prozent Einsparung. Aber die Kombination schon. Eine Studie der LVR-Denkmalpflege zeigt: Innendämmung (15-20 %), Fenstersanierung (10-15 %) und intelligente Regelung (5-10 %) ergeben zusammen bis zu 40 Prozent weniger Heizlast. Und das ohne einen Nagel in die Fassade zu schlagen. Fenster werden nicht ausgetauscht. Stattdessen werden sie mit speziellen Dichtungen und zusätzlichen Verglasungen nachgerüstet. Das reduziert die Luftlecks, ohne die historischen Rahmen zu verändern. In Göttingen wurden Solardachziegel eingebaut - sie sehen aus wie klassische Tonziegel, erzeugen aber Strom. Keine schwarzen Photovoltaik-Module, die das Dach verunstalten. Nur eine sanfte, unsichtbare Modernisierung.

Was man nicht tun sollte

Viele versuchen, alte Häuser wie Neubauten zu behandeln. Das schief läuft. Zu viele installieren komplexe Lüftungsanlagen mit sichtbaren Rohren und Ventilatoren. Sie klingen wie eine Maschine im Wohnzimmer. Die Bewohner schalten sie ab, weil sie zu laut sind oder zu kompliziert. Oder sie verkleiden die alten Holzfenster mit Kunststoff-Isolierfolien - das führt zu Feuchtigkeit und Schimmel unter den Fensterbänken. Die beste Regel: Weniger Technik, mehr Verständnis. Ein guter Energieberater mit Erfahrung im Denkmalschutz prüft die Substanz, misst die Luftfeuchtigkeit und sagt: Was kann man tun, ohne zu zerstören? Er fragt nicht: Was ist die modernste Lösung? Er fragt: Was bleibt erhalten?

Querschnitt eines denkmalgeschützten Hauses mit diffusionsoffenen Dämmmaterialien und sanfter Heizung.

Kosten, Förderung und Zeit

Die Kosten liegen zwischen 120 und 150 Euro pro Quadratmeter. Das ist doppelt so viel wie bei einem normalen Haus. Aber die KfW fördert bis zu 40 Prozent der Kosten. Mit einem Zuschuss von 30.000 Euro bei einem 75.000-Euro-Projekt sinkt die Amortisationszeit von 18 auf 11 Jahre. Die Genehmigung dauert länger - oft 9 bis 12 Monate. Denn jede Maßnahme muss mit der Denkmalbehörde abgestimmt werden. Aber das ist kein Hindernis. Es ist eine Absicherung. Denn nur wer die Substanz kennt, kann sie schützen. Und nur wer langsam plant, macht es richtig. Ein komplettes Projekt - von der Planung bis zur Fertigstellung - dauert 4 bis 6 Monate. Nicht weil es schwierig ist, sondern weil jede Bohrung, jede Dämmung, jedes Rohr sorgfältig geplant werden muss.

Wer hilft wirklich?

Nicht jeder Handwerker kann das. Nur 15 Prozent der Heizungsinstallateure in Deutschland haben die spezielle Qualifikation für denkmalgeschützte Gebäude. Sie wissen, wie man Rohre in Kaminzügen verlegt, wie man Dämmplatten ohne Kleber befestigt, wie man Lüftungsgeräte unsichtbar integriert. Die richtigen Partner zu finden, ist entscheidend. Fragt nach Zertifikaten. Fragt nach Referenzen. Und fragt: Haben Sie schon einmal ein Gebäude aus dem 19. Jahrhundert saniert? Wenn die Antwort "Nein" ist, suchen Sie weiter. Denn hier geht es nicht um Schnelligkeit. Sondern um Dauerhaftigkeit. Um Respekt. Um Erhalt.

Was kommt als Nächstes?

Im Januar 2024 tritt eine Novelle des Gebäudeenergiegesetzes in Kraft. Sie enthält erstmals klare Regeln für denkmalschützte Gebäude. Wärmepumpen dürfen nun auch in Altbauten installiert werden - wenn sie mit niedrigen Temperaturen arbeiten. Das ist ein großer Schritt. Die Forschung arbeitet an neuen Dämmstoffen aus Hanf und Holzfaser, die noch besser atmen. Und an Wandheizungen, die sich noch feiner in die Dämmung einfügen. Die Zukunft des Denkmalschutzes ist nicht die Rückkehr zum Holzofen. Sondern die intelligente, diskrete Modernisierung. Die, die die Geschichte bewahrt - und gleichzeitig die Zukunft ermöglicht.

Kann man bei einem Denkmal einfach eine Außenwand dämmen?

Nein. Außenwanddämmung mit WDVS ist bei denkmalgeschützten Gebäuden in den meisten Fällen nicht erlaubt, weil sie das historische Erscheinungsbild verändert. Stattdessen wird Innendämmung mit diffusionsoffenen Materialien wie Holzweichfaserplatten oder Kalzium-Silikat eingesetzt. Diese bewahren die Fassadenoptik und sind rückbaubar.

Welche Dämmstoffe sind für alte Mauern sicher?

Sicher sind nur diffusionsoffene Materialien, die Feuchtigkeit passieren lassen: Holzweichfaserplatten, Flachs, Hanf, Kork, Steinwolle, Kalzium-Silikat und Perlit. Diese Materialien trocknen wieder aus und verhindern Schimmel. Dampfsperren oder PVC-Dämmplatten sind tabu - sie führen zu Feuchteschäden.

Ist eine Wärmepumpe im Denkmal möglich?

Ja, aber nur mit niedrigen Vorlauftemperaturen von 35-40°C. Dafür braucht man Flächenheizungen - wie kapillare Wandheizungen - statt konventionelle Heizkörper. Moderne Wärmepumpen mit niedriger Temperatur sind ideal für denkmalgeschützte Gebäude, besonders wenn sie mit Solarstrom betrieben werden.

Wie verhindert man Schimmel bei der Sanierung?

Schimmel entsteht, wenn warme, feuchte Luft auf kalte Wände trifft. Die Lösung: Innendämmung mit diffusionsoffenen Materialien, eine gute Lüftung mit Wärmerückgewinnung und eine sanfte, gleichmäßige Heizung. So bleibt die Wandtemperatur über dem Taupunkt. Dazu kommen programmierbare Thermostate, die unnötige Kälte in ungenutzten Räumen vermeiden.

Wie lange dauert eine Sanierung mit Lüftung, Regelung und Abdichtung?

Für ein Einfamilienhaus dauert die gesamte Sanierung - von der Planung bis zur Fertigstellung - durchschnittlich 4 bis 6 Monate. Das ist doppelt so lang wie bei einem Neubau, weil alle Arbeiten rückbaubar, substanzschonend und mit Genehmigung der Denkmalbehörde erfolgen müssen.