Geruchsprobleme im Haus nach Umbau: Ursachen und wirksame Lösungen

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Ein neuer Boden, frische Farbe, modernisierte Dämmung - nach einem Umbau fühlt sich das Zuhause anders an. Doch oft kommt ein unangenehmer Nebeneffekt: ein muffiger, chemischer oder süßlich-fauliger Geruch, der nicht verschwinden will. Viele Menschen denken, das ist normal und vergeht von selbst. Doch das ist ein Irrglaube. In Deutschland zeigen Messungen, dass 78 % der Neubauten nach Fertigstellung höhere Schadstoffwerte in der Luft haben, als gesundheitlich vertretbar ist. Und diese Gerüche sind nicht nur unangenehm - sie können Kopfschmerzen, Augenreizungen oder Atembeschwerden auslösen.

Was genau verursacht diese Gerüche?

Die häufigste Ursache sind flüchtige organische Verbindungen, kurz VOCs. Das sind chemische Stoffe, die aus neuen Baumaterialien abgegeben werden. Sie kommen in Klebern, Lacken, Fußböden, Dämmstoffen und sogar in Möbeln vor. Besonders kritisch sind Formaldehyd, Essigsäure und Weichmacher wie DEHP. Diese Stoffe gelangen nicht durch Schimmel oder Schmutz in die Luft, sondern durch eine natürliche Ausgasung. Die Intensität ist in den ersten sechs Monaten am höchsten, aber die Emissionen halten oft Jahre an. Spanplatten etwa geben Formaldehyd bis zu 10 Jahre lang ab - nur bei echtem Holz reduziert sich die Menge nach einem Jahr um 85 %, bei konventionellen Platten nur um 60 %.

Ein weiterer häufiger Auslöser ist PCP-haltiges Holz, das vor allem in älteren Fassaden oder Dachstühlen verwendet wurde. Es riecht nach Chloranisolen - einem süßlich-muffigen Geruch, der oft mit Schimmel verwechselt wird. Doch dieser Geruch ist kein Zeichen von Feuchtigkeit, sondern von chemischem Abbau. Er ist nicht direkt giftig, aber ein klarer Hinweis darauf, dass toxische Substanzen freigesetzt werden. In 65 % der Fälle, die als Schimmel gerügt werden, steckt genau das dahinter.

Und dann gibt es noch die physikalischen Ursachen: trockenlaufende Siphons. Wenn Abwasserleitungen längere Zeit nicht genutzt werden, z. B. in einem Gäste-WC oder einer Waschmaschine mit abgeklemmtem Abfluss, trocknet das Wasser im U-förmigen Ablauf aus. Dann steigt Schwefelwasserstoff (H₂S) nach oben - ein Geruch nach faulen Eiern. Das ist kein Schadstoff aus dem Baumaterial, sondern ein technisches Problem, das leicht übersehen wird.

Warum verschwinden Gerüche nicht von selbst?

Viele glauben, dass Lüften allein ausreicht. Doch das ist zu einfach gedacht. Die Luftwechselrate in den meisten Wohnungen liegt bei 0,5 bis 1 Mal pro Stunde - zu wenig, um die Belastung wirksam zu senken. Experten empfehlen mindestens 3 bis 5 Luftwechsel pro Stunde, also alle 15 bis 20 Minuten vollständig lüften. Das bedeutet: Fenster weit aufmachen, Türen öffnen, und zwar mehrmals täglich, auch im Winter. Nur so kann die Konzentration der Schadstoffe innerhalb von vier Wochen um 75 % sinken.

Luftreiniger mit Aktivkohlefiltern helfen nur bedingt. Sie reduzieren die VOC-Werte um 40 bis 60 %, aber nur, wenn die Filter regelmäßig gewechselt werden. Und sie nehmen keine Gerüche aus Holz oder PVC auf - sie filtern nur, was schon in der Luft ist. Noch schlimmer: manche Versiegelungsprodukte, die als „Geruchsschutz“ verkauft werden, maskieren den Geruch nur kurzfristig. Sie überziehen die Oberfläche mit einer Folie, die später abplatzt - und dann kommt der Geruch doppelt so stark zurück.

Ein weiterer häufiger Fehler ist das „Fogging-Effekt“. Das bedeutet: Stoffe, die sich an Wänden oder Möbeln abgesetzt haben, werden bei Temperaturschwankungen wieder freigesetzt. Das passiert besonders bei Sonneneinstrahlung hinter Fenstern. Wenn die Oberflächentemperatur über 35 °C steigt, entstehen durch UV-Licht freie Radikale, die mit VOCs reagieren und neue, oft stärkere Gerüche bilden. Das erklärt, warum manche Gerüche plötzlich stärker werden - obwohl die Raumtemperatur gleich bleibt.

Was tun bei chemischen Gerüchen?

Wenn der Geruch nach Lack, Kleber oder Kunststoffen kommt, ist kontinuierliches Querlüften die wirksamste Maßnahme. Öffnen Sie die Fenster an mindestens zwei gegenüberliegenden Wänden, damit Luft durch den Raum strömt. Nutzen Sie Ventilatoren, um die Luft gezielt zu bewegen. Lüften Sie mindestens 6 Wochen lang - auch wenn es kalt ist. Eine Studie des Umweltbundesamts zeigt: Wer nur einmal täglich lüftet, reduziert die Belastung kaum. Wer dreimal täglich lüftet, senkt die Werte um 70 % in 30 Tagen.

Wichtig ist auch die Temperatur. Bei 28 °C emittieren viele Materialien 30 % mehr VOCs als bei 20 °C. Halten Sie die Raumtemperatur möglichst niedrig, besonders in den ersten Wochen nach dem Umbau. Vermeiden Sie Heizstrahler, UV-Lampen oder Sonnenschutzfolien, die die Oberflächen aufheizen.

Wenn der Geruch nach einem neuen Boden kommt, prüfen Sie, ob es sich um Vinyl oder PVC handelt. Diese Materialien setzen besonders viele Weichmacher frei. Ein Nutzer in München berichtete, dass sein Tarkett-Aquaflor-Boden nach 78 Tagen TVOC-Werte von 1.200 µg/m³ erreichte - das ist viermal höher als der gesundheitliche Grenzwert von 300 µg/m³. In solchen Fällen hilft nur: Boden entfernen und durch ein emissionsarmes Material ersetzen, z. B. Holz mit Emicode-EC1-Zertifikat.

Cross-section of an old house wall revealing toxic PCP-emitting wood beneath modern insulation, with chemical vapors rising.

Was tun bei muffigem Geruch - Schimmel oder PCP?

Ein muffiger, feuchter Geruch wird oft als Schimmel erkannt. Doch laut Baubiologen ist in 65 % der Fälle PCP-haltiges Holz die Ursache. Das ist besonders in Fertighäusern aus den 70er- bis 90er-Jahren verbreitet. Hier wurde Holz mit Pentachlorphenol imprägniert, um es vor Pilzen zu schützen. Mit der Zeit reagiert es mit Feuchtigkeit und gibt Chloranisole ab - diesen typischen muffigen Geruch.

Ein Luftreiniger oder Schimmelentferner hilft hier nicht. Nur ein kompletter Fassadenrückbau mit anschließender Behandlung durch mineralische Schutzanstriche wie „Reinolit Protect“ bringt dauerhafte Linderung. Der Prozess dauert 4 bis 6 Wochen und kostet zwischen 250 und 350 € pro Quadratmeter. Aber er ist die einzige dauerhafte Lösung. Wer nur die Oberfläche behandelt, riskiert, dass der Geruch nach einigen Monaten zurückkommt.

Wenn Sie unsicher sind, ob es Schimmel oder PCP ist: lassen Sie eine Raumluftanalyse machen. Ein einfacher Schnelltest erkennt die Konzentration von Chloranisolen. Die Deutsche Baubiologische Gesellschaft empfiehlt dafür den Photoionisationsdetektor „PP1000“ von PCE Instruments. Er misst TVOC mit Kalibrierung auf Isobuten - das ist der einzige zuverlässige Weg, die Quelle zu identifizieren.

Trockenlaufende Siphons - die unterschätzte Ursache

Ein faulig-egiger Geruch aus dem Badezimmer oder der Küche? Das ist oft kein Schimmel, sondern ein trockener Siphon. Besonders bei Waschmaschinen, Spülmaschinen oder Gäste-WCs ist das häufig. Wenn das Wasser im Ablauf verdunstet, steigt Schwefelwasserstoff aus der Kanalisation auf.

Die Lösung ist einfach: Füllen Sie 100 ml eines 11,9 %igen Wasserstoffperoxids in jeden Siphon. Das hat die Bauberater-KDR in einer Studie mit 12 betroffenen Haushalten getestet - bei 9 davon verschwand der Geruch innerhalb von 48 Stunden. Die Chemie tötet Bakterien ab, ohne die Leitungen zu beschädigen. Und es ist viel günstiger als ein professioneller Klempner.

Vermeiden Sie Silikondichtstoffe ohne Emicode-Zertifikat. Sie sind oft die Ursache für Gerüche, die nach Wochen auftreten. Nutzen Sie stattdessen zertifizierte Produkte - sie sind etwas teurer, aber sie vermeiden teure Folgeschäden.

Dry sink trap with a drop of hydrogen peroxide neutralizing sewer gas, sensor showing zero harmful emissions.

Was kommt in Zukunft?

Die Baubranche verändert sich. Seit 2023 testet die Berner Fachhochschule mineralische Beschichtungen mit pH-Wert 11,5, die VOCs an Holzoberflächen binden. Und ab September 2024 wird ein neuer Klebstoff namens „D3 EcoPure“ von Henkel auf den Markt kommen - er emittiert weniger als 50 µg/m³ VOCs. Das ist ein großer Schritt.

Aber die größte Veränderung kommt durch die Digitalisierung. Die „Baustoffcloud“ des Fraunhofer IBP, die seit Juli 2023 läuft, ermöglicht es, jede Materialcharge mit ihren chemischen Eigenschaften zu dokumentieren. Künftig können Bauherren vor dem Kauf wissen, welche Substanzen in ihren Wänden landen - und wie lange sie emittieren.

Die EU-Gebäuderichtlinie 2021/1319 schreibt ab 2025 vor, dass alle Neubauten eine VOC-Messung vor Einzug durchführen müssen. Das wird die Branche zwingen, transparenter zu werden. Doch bis dahin liegt die Verantwortung bei Ihnen: Lüften Sie konsequent, messen Sie bei Unsicherheit, und lassen Sie sich nicht von schnellen Lösungen täuschen.

Was Sie jetzt tun können

  • Lüften Sie mindestens 3-5 Mal täglich, auch im Winter - Querlüftung ist entscheidend.
  • Halten Sie die Raumtemperatur unter 25 °C, besonders in den ersten 6 Wochen.
  • Prüfen Sie alle Abflüsse: Füllen Sie 100 ml 11,9 %iges Wasserstoffperoxid in Siphons.
  • Verwenden Sie nur Materialien mit Emicode-EC1-Zertifikat - das ist der niedrigste Emissionswert.
  • Wenn der Geruch nach muffigem Holz riecht: lassen Sie eine PCP-Analyse machen - nicht einfach schimmeln.
  • Dokumentieren Sie jeden Geruch: Datum, Uhrzeit, Temperatur, Lüftung, Geruchsbeschreibung. Das hilft bei Schlichtung.

Geruchsprobleme nach Umbau sind kein Zufall - sie sind eine Folge von Materialwahl, Lüftung und Temperatur. Wer sie versteht, kann sie vermeiden. Wer sie ignoriert, leidet lange.

Warum riecht mein Haus nach Lackspray, obwohl ich vor 3 Monaten gestrichen habe?

Das liegt an der Ausgasung von VOCs aus Lacken und Klebstoffen. Selbst wenn die Farbe trocken ist, geben die darunterliegenden Schichten noch Monate lang Chemikalien ab. Besonders bei synthetischen Produkten ist die Emission langsam und konstant. Die höchste Konzentration tritt oft 14 bis 17 Tage nach dem Streichen auf - nicht direkt danach. Lüften Sie weiter, halten Sie die Temperatur niedrig, und vermeiden Sie Heizstrahler. Nach 6 bis 8 Wochen sinkt die Belastung deutlich.

Ist ein Emicode-EC1-Zertifikat wirklich sicher?

Ja - aber mit Einschränkung. Emicode-EC1 ist der niedrigste Emissionswert, den es gibt. Doch die Prüfung erfolgt bei 23 °C und 50 % Luftfeuchtigkeit. In einem sonnigen Raum mit 28 °C emittieren dieselben Produkte bis zu 30 % mehr. Das Zertifikat garantiert also keine Null-Emission, sondern eine minimale. Es ist der beste Standard, den es gibt - aber kein Schutz vor Überhitzung oder schlechter Lüftung.

Kann ich mit Luftreinigern den Geruch loswerden?

Luftreiniger mit Aktivkohle reduzieren VOCs um 40-60 %, aber nur, wenn die Filter frisch sind und die Luftmenge passt. Sie helfen bei leichten Gerüchen, aber nicht bei schweren Belastungen. Sie filtern nicht die Quelle - sie saugen nur die Luft aus dem Raum. Wenn Sie einen neuen Boden verlegt haben, der 1.200 µg/m³ VOCs emittiert, wird ein Luftreiniger das Problem nicht lösen. Lüften ist die einzige wirksame Methode.

Was ist der Fogging-Effekt und warum ist er gefährlich?

Der Fogging-Effekt tritt auf, wenn sich chemische Stoffe an Wänden, Möbeln oder Decken absetzen und bei Temperaturschwankungen wieder freigesetzt werden. Besonders bei Sonneneinstrahlung hinter Fenstern, wenn die Oberfläche über 35 °C wird, entstehen freie Radikale, die mit VOCs reagieren und neue Geruchsmoleküle bilden. Das führt zu unerklärlichen Geruchsspitzen - obwohl die Raumtemperatur gleich bleibt. Es ist gefährlich, weil man denkt, das Problem sei gelöst, aber es nur versteckt ist. Die Lösung: Temperatur im Raum unter 25 °C halten und direkte Sonneneinstrahlung auf Materialien vermeiden.

Wie erkenne ich, ob es Schimmel oder PCP ist?

Schimmel riecht nach feuchtem Keller - er ist pilzig, modrig, manchmal leicht sauer. PCP-Geruch ist süßlich, muffig, fast wie alte Bücher oder nasse Holzspäne. Schimmel wächst an feuchten Stellen - an Wänden, Ecken, hinter Möbeln. PCP-Geruch kommt oft von Holz in Fassaden, Dachstühlen oder alten Dämmungen, ohne sichtbare Feuchtigkeit. Der einzige sichere Weg: eine Raumluftanalyse mit einem Photoionisationsdetektor. Er misst spezifische Chloranisole. Ein Test kostet 150-200 €, spart aber Tausende an Fehlmaßnahmen.