Brandschutz in der Elektroinstallation: Leitungen, Dosen und Abschottung richtig umsetzen

alt

Ein Brand in der Wohnung beginnt oft nicht mit offener Flamme, sondern mit einem überlasteten Kabel, einem falsch installierten Steckdosenkasten oder einer undichten Durchführung durch eine Wand. In Deutschland sterben jedes Jahr über 400 Menschen durch Brände - und fast jeder vierte Brand hat seine Ursache in der Elektroinstallation. Das ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis von falscher Planung, fehlender Schulung und der Annahme, dass „es schon irgendwie geht“. Dabei gibt es klare Regeln, die Leben retten: Brandschutz in der Elektroinstallation.

Warum Elektroinstallationen brennen - und wie man das verhindert

Elektrische Anlagen sind nicht von Natur aus gefährlich. Sie werden es erst, wenn sie nicht nach den Regeln installiert werden. Kurzschlüsse, Überlastungen, Lichtbögen - das sind die Hauptursachen. Besonders kritisch sind alte Leitungen, die mit modernen Geräten überlastet werden, oder Kabelbündel, die in engen Kanälen liegen und nicht abkühlen können. Eine Studie des TÜV Rheinland aus 2022 zeigt: In 28,7 Prozent aller fehlerhaften Installationen waren Kabelbündel zu dicht verlegt. Das führt zu Überhitzung - und das ist der erste Schritt zum Brand.

Die Lösung? Nicht mehr „irgendwie“ verlegen, sondern nach DIN VDE 0100-420:2019-11. Diese Norm ist die Grundlage für jeden sicheren Auftrag. Sie sagt klar: Kabel müssen die Prüfung nach DIN EN 60332 bestehen. Das bedeutet: Selbst wenn sie brennen, darf die Flamme sich nicht weiter als 1,5 Meter ausbreiten. Das ist kein Luxus. Das ist Überleben.

Was passiert bei einem Brand - und wie Leitungen reagieren

Stell dir vor, ein Kabel in der Wand überhitzt. Es beginnt zu schmelzen. Der Isolierstoff verbrennt, setzt giftigen Rauch frei - und die Flamme greift auf benachbarte Materialien über. In einem Haus ohne Brandschutz kann das in Minuten zu einem Vollbrand werden. Doch mit richtigen Leitungen ist das anders.

Kabel der Klasse Eca (nach DIN EN 13501-6) sind speziell dafür ausgelegt, sich im Brandfall nicht als Brennstoff zu verhalten. Sie sind nicht nur feuerbeständig, sie hemmen auch die Ausbreitung. Das ist der Unterschied zwischen einem Kabel, das brennt, und einem, das nur raucht. In einem Bürogebäude in Berlin wurde 2023 ein Brand durch einen defekten Stecker ausgelöst. In einem Raum mit herkömmlichen Kabeln breitete sich der Brand 8,5 Meter aus. Im Nachbarraum, mit Eca-Kabeln und korrekter Abschottung, blieb der Schaden auf 18 Zentimeter begrenzt. Die Leitungen haben den Brand gestoppt - nicht durch Zufall, sondern durch Norm.

Dosen und Kabeldurchführungen - die unsichtbaren Schwachstellen

Die meisten Installateure achten auf Kabel und Schalter. Aber wer denkt an die Dosen? An die Löcher in der Wand, durch die Kabel nach oben oder unten führen? Das sind die größten Schwachstellen. In einer Feldstudie der TÜV SÜD Akademie wurden 142 Installationen geprüft - und in 37,8 Prozent der Fälle war die Abschottung falsch. Das bedeutet: Ein Brand kann durch eine unsachgemäß abgedichtete Dose von einem Raum in den nächsten springen, als wäre die Wand nicht da.

Die Lösung: Brandschutzabschottungen. Das sind spezielle Dichtungen, die um Kabeldurchführungen herum angebracht werden. Sie bestehen aus mineralischen Materialien, die bei Hitze aufschäumen und das Loch komplett verschließen. Sie müssen die Feuerwiderstandsklasse F30, F60 oder F90 erreichen - je nach Raum und Nutzung. In Wohnungen reicht oft F30. In Treppenhäusern oder Fluchtwegen braucht es F90. Und: Sie müssen dicht sein. Kein Spalt. Kein Loch. Kein Kabel, das durch ein Loch in der Dichtung führt, ohne dass es abgedichtet ist.

Aufgespaltenes Bild: links Ausbreitung eines Elektrobrandes, rechts begrenzter Schaden durch feuerbeständige Kabel und Abschottung.

Brandschutzschalter (AFDD) - der unsichtbare Wächter

Ein Kurzschluss ist gefährlich. Ein Lichtbogen ist noch gefährlicher. Und genau das ist die größte Gefahr in modernen Wohnungen: LED-Lampen, Ladegeräte, Smart-Home-Systeme. Sie erzeugen kleine, aber extrem heiße Lichtbögen - die man nicht sieht, aber die Holz, Stoff oder Isolierung anzünden können. 18,7 Prozent aller Wohnungsbrände 2022 wurden durch solche Lichtbögen ausgelöst, wie Dr. Markus Weber von der TU Braunschweig feststellte.

Die Lösung: AFDD - Arc Fault Detection Devices. Das sind spezielle Leitungsschutzschalter, die Lichtbögen erkennen und innerhalb von Millisekunden abschalten. Sie sind nicht neu, aber sie sind immer noch zu selten. Seit November 2020 schreibt das Gebäudeenergiegesetz (GEG) sie in Neubauten mit mehr als 500 m² Nutzfläche vor. Doch in Sanierungen? Fast nie. Dabei sind sie die effektivste Maßnahme gegen Elektrobrände. Der ZVEH führt ab Januar 2024 eine verpflichtende Schulung von 16 Stunden für Elektrofachkräfte ein - weil die Installation nicht einfach ist. Man braucht Wissen. Und Erfahrung.

Brandschutzkanäle - der starke Rücken der Installation

In großen Gebäuden, in Krankenhäusern, in Schulen, in Hochhäusern - da geht es nicht nur um den Schutz des Gebäudes, sondern um den Funktionserhalt im Brandfall. Notbeleuchtung, Brandmeldeanlagen, Aufzüge - die müssen weiterlaufen, wenn alles andere brennt. Dafür gibt es Brandschutzkanäle nach DIN EN 50085. Das sind geschlossene, feuergeschützte Kanäle, in denen Sicherheitsleitungen verlegt werden. Sie halten bis zu 90 Minuten lang dem Feuer stand. In einem Industriebetrieb in Duisburg 2021 wurde ein Brand durch eine Maschine ausgelöst. Die Kabel in den Brandschutzkanälen blieben intakt - die Notbeleuchtung funktionierte. Die Feuerwehr konnte die Lage kontrollieren. Das war kein Glück. Das war Planung.

Die Kanäle müssen nicht immer sichtbar sein. Sie können unter dem Estrich verlegt werden - mit mindestens 30 mm Beton darüber. Oder im Erdreich, mindestens 70 cm tief. Oder in speziellen Schutzrohren. Die Wahl hängt vom Gebäude ab. Aber: Sie müssen geplant werden - nicht nachträglich. Wer das vergisst, riskiert nicht nur das Gebäude, sondern auch Leben.

Querschnitt eines Hochhauses mit feuerbeständigen Kabelkanälen, AFDD-Schaltern und abgedichteten Durchführungen in verschiedenen Etagen.

Warum viele Installateure Schwierigkeiten haben

Die Normen sind komplex. Mehr als 30 VDE-Normen, Musterbauordnung, Landesbauordnungen, VdS-Richtlinien - das ist ein Labyrinth. Eine Umfrage des ZVEH aus 2023 ergab: 68,3 Prozent der kleinen Betriebe mit weniger als fünf Mitarbeitern fühlen sich überfordert. Sie haben keine Zeit, keine Ressourcen, keine Schulung. Und das ist das größte Problem.

Die Lösung ist nicht, die Normen abzuschaffen. Die Lösung ist, sie einfach zu machen. Der VDE bietet seit Januar 2023 kostenlose Online-Planungstools für Mitglieder des ZVEH an. Der Brandschutzleitfaden von OBO Bettermann ist ein praktischer Begleiter - klar, strukturiert, mit Bildern. Und: Dokumentation ist Pflicht. Nach VdS 6024 muss jede Installation protokolliert werden. Prüfprotokolle für Brandschutzkanäle müssen alle 24 Monate erneuert werden. Wer das nicht macht, hat nicht nur einen Fehler gemacht - er hat die Haftung auf sich genommen.

Was kostet Brandschutz - und lohnt es sich?

Ja, es kostet mehr. Zertifizierte Kabel kosten bis zu 40 Prozent mehr als Standardkabel. Brandschutzkanäle, AFDDs, Abschottungen - das addiert sich. In einem Einfamilienhaus sind das vielleicht 1.500 bis 2.500 Euro mehr. Aber was kostet ein Brand? Ein Haus? Ein Leben? Die Statistik sagt: Jeder dritte Brand in Wohngebäuden ist vermeidbar - wenn man die Regeln kennt und befolgt.

Und: Es gibt Förderung. Das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) fördert Brandschutzmaßnahmen in Bestandsbauten - besonders wenn sie mit Energieeinsparungen kombiniert werden. Und die Versicherungen belohnen es: Wer AFDDs und korrekte Abschottungen hat, zahlt oft weniger für die Wohngebäudeversicherung.

Was du jetzt tun kannst

Wenn du ein Haus baust oder sanierst: Frag deinen Elektriker, ob er nach DIN VDE 0100-420 plant. Frag, ob er AFDDs einbaut. Frag, wie er die Kabeldurchführungen abschottet. Frag, ob er die Dokumentation macht. Wenn er nicht weiß, was du meinst - such dir einen anderen. Das ist kein Luxus. Das ist Verantwortung.

Brandschutz in der Elektroinstallation ist kein Thema für Experten. Es ist ein Thema für jeden, der in einem Haus lebt. Denn ein Brand beginnt nicht mit einer Flamme. Er beginnt mit einer falschen Entscheidung. Und du hast die Macht, sie nicht zu treffen.

Was ist der Unterschied zwischen Eca-Kabeln und normalen Kabeln?

Eca-Kabel sind speziell auf Brandverhalten geprüft und müssen nach DIN EN 13501-6 die Klasse Eca erfüllen. Das bedeutet: Sie verbrennen nicht leicht, und wenn sie es tun, breitet sich die Flamme nur maximal 1,5 Meter aus. Normale Kabel haben keine solche Prüfung - sie können bei Überhitzung schnell zu einem Brennstoff werden und den Brand stark verstärken.

Muss ich AFDDs in meiner Altbauwohnung nachrüsten?

Nein, es ist nicht gesetzlich vorgeschrieben - aber es ist hoch empfehlenswert. Seit 2020 gilt die Pflicht nur für Neubauten über 500 m². Doch in Altbauten mit modernen Elektrogeräten, Smart-Home-Systemen und alten Leitungen ist die Brandgefahr durch Lichtbögen besonders hoch. Eine Nachrüstung ist eine der wirksamsten Maßnahmen, um Wohnungsbrände zu verhindern.

Wie erkenne ich eine fachgerechte Brandschutzabschottung?

Eine fachgerechte Abschottung ist dicht, ohne Lücken, und besteht aus mineralischem Material, das bei Hitze aufschäumt. Sie muss fest mit der Wand oder Decke verbunden sein. Kein Kabel darf durch ein Loch führen, ohne dass es mit einer speziellen Dichtung abgedichtet ist. Ein guter Installateur zeigt dir das Protokoll - und erklärt dir, welche Feuerwiderstandsklasse (F30, F60, F90) verwendet wurde.

Was passiert, wenn ich die Brandschutzkanäle nicht einbaue?

In Wohngebäuden ist es oft nicht zwingend vorgeschrieben - aber in Treppenhäusern, Fluchtwegen oder in Gebäuden mit mehr als 13 m Höhe schon. Ohne Kanäle können Kabel bei einem Brand durchbrennen. Dann funktionieren Notbeleuchtung, Brandmeldeanlagen oder Aufzüge nicht mehr. Das gefährdet das Leben der Menschen im Gebäude. Und: Du kannst im Schadensfall haftbar gemacht werden.

Warum sind die deutschen Brandschutzvorschriften so streng?

Weil Deutschland die Risiken ernst nimmt. Die DIN VDE 0100-420 ist detaillierter als die europäische Norm. Sie legt klare Grenzwerte fest - nicht nur Empfehlungen. Außerdem wird zwischen baulichem Brandschutz (MBO) und technischem Brandschutz (VDE) strikt getrennt. Das führt zu präziserer Umsetzung. Die Folge: Weniger Brände, weniger Tote, weniger Schaden.